
Von Sandra Winkler
Lächelnd nimmt das kleine Mädchen das Wurststück in die Hand. "Was sagt man?" fordert die Mutter auf. "Dada" lautet die Antwort an die freundliche Nachbarin von Nebenan. Melanie Häusler (Name von der Redaktion geändert) schließt die Wohnungstür und setzte ihre Tochter Sarah in den Hochsitz der kleinen Küche. Die 32-jährige Frau erzieht das Kleinkind allein. Der Vater "hat keine Lust und zahlt null Unterhalt". Er ist Alkoholiker, "Arbeitsverweigerer" und behauptet er sei nicht der Vater von Sarah. Bis das Kind 6 Jahre alt ist, zahlt das Jugendamt den Unterhaltsvorschuss - und verlangt nach einem Gerichtstermin den Vaterschaftstest. Doch der Vater lässt den Untersuchungstermin verstreichen. "Hat's wohl wieder versoffen" sagt Melanie mit einem Schulterzucken. Verpasst er den 3. Termin wird ihm die Speichelprobe notfalls gewaltsam von der Polizei entnommen. Melanie möchte nicht, dass der Vater engen Kontakt mit Sarah hat, "er soll erstmal einen Entzug machen, dann kann er zu Besuch kommen".
Dass sie ihr Kind allein erzieht, stört die dunkelhaarige Frau weniger als Außenstehende, denn viele Menschen "stellen dich als asozial dar". Seit Jahresbeginn bekommt die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin Hartz IV. Sie hat jetzt 120 € weniger im Monat zum Leben als mit Sozialhilfe. Obwohl Melanie jahrelang gearbeitet hat, erhält sie kein Arbeitslosengeld. Würde sie sich arbeitslos melden, gelte sie als vermittelbar. Doch ihrem Beruf kann sie im Moment nicht nachgehen, da sie 24 Stunden mit ihrer Tochter verbringt.
Ab Oktober 2005 soll das Kind in die KITA und als allein erziehende Mutter rechnet sich Melanie gute Chancen auf einen Platz aus. Sie möchte wieder arbeiten, doch bei dem Gedanken Sarah in der Obhut Fremder zu lassen wird ihr Unwohl. "Sie ist doch noch so klein" flüstert sie und schiebt dem Mädchen ein Stück Banane in den Mund. An Sarahs 2. Geburtstag wird zusätzlich das Erziehungsgeld von 200 € pro Monat wegfallen. Ein weiterer Einschnitt in den Finanzen. Außerdem möchte die Alleinerziehende unabhängig von den Ämtern sein. Die 2-Zimmer Wohnung in Steglitz ist 8 Quadratmeter ist größer als unter Hartz IV für angemessen befunden, ein Umzug kommt für Melanie aber nicht infrage. Auch ihr Auto musste sie auf die Eltern ummelden. Nach Hartz IV hätte sie es verkaufen müssen. Doch der nächste Supermarkt ist 15 Minuten Fußweg entfernt und dann "Regen, Schnee, eisiges Wetter und du musst mit dem Kind da rumschippern". Zusätzlich hat Sarah Pseudo Krupp, eine Atemnot, die hauptsächlich nachts auftritt. Mit eigenem Auto fühlt sich Melanie sicherer, dass sie ihre Tochter schnell in das nächste Krankenhaus bringen kann.
Die rosa Schnabeltasse fällt aus Sarahs Händen, ihre Mutter hebt sie auf und blickt in die blauen Augen des kleinen Mädchens. "Das ist mein Leben" sagt Melanie, "obwohl ich Angst hatte, liebe ich sie über alles, sie hat mein Leben bereichert".
Politessen gesucht Von Susann Klatt-D'Souza
"Wenn man sie braucht, sind sie tatsächlich nicht da", stöhnt der junge Mann hinter dem Lenkrad seines Autos.
Er dreht sich zu seiner Beifahrerin und verdreht die Augen. " Zweieinhalb Stunden und immer noch keine Politesse in Sicht", brabbelt er in seinen Bart. "Wenn das mal sonst so wäre."
Über schneebedeckte Straßen fahren sie den Ku-Damm hoch und runter, in alle erdenklichen Seitenstraßen, wo sich normalerweise die Damen mit den grünen so verhassten Knöllchen versammeln.
"Ich brauch sonst nicht mal zehn Minuten warten und bekomme vom Polizeipräsidenten spätestens in zwei Wochen Post." Doch plötzlich sieht die junge Frau einen uniformierten Mann, der sich die Kennzeichen der im Halteverbot stehenden Autos zu notieren. "Entschuldigung, wo verstecken sich denn heute alle Politessen?"
"Am Besten fahren se erst mal zum Ordnungsamt am Fehrbelliner Platz, dort finden se mit Sicherheit jemanden", sagt der Herr mit der dunkelblauen BVG-Jacke (Berliner-Verkehrs-Gesellschaft) mit einem lächelnden aber auch verwunderten Blick.
Mit einer schnellen Wendung gelangen die beiden auf die andere Straßenseite und fahren in Richtung des empfohlenen Platzes. Nach weiteren zwanzig Minuten Suchen, diesmal nicht nach den Politessen, sondern nach dem Ordnungsamt, gelangen die beiden an ihr Ziel.
Doch: "Fragen zu unserem Beruf stellen, dürfen sie leider nicht, denn dazu ist eine Genehmigung von ganz oben nötig", erklärt eine Beamtin.
Beide schauen sich an und flüstern sich zu: "Typisch deutsche Bürokratie."
Mehr als drei Stunden später und um eine Erfahrung reicher, verlassen sie mit hängenden Schultern das Amt. Und plötzlich erblicken sie in der Ferne drei Frauen mit grünen Blöcken in der Hand. Die Studentin läuft ihnen über den stellenweise gefrorenen Bürgersteig mit raschen Schritten entgegen. Doch auch diese Beamtinnen verweigern ihr jede Auskunft.
"Ich möchte ihnen doch nur ein paar Fragen stellen", versucht sie mit bittender Stimme die Frauen doch noch zu überzeugen. Aber ohne Erfolg.
Die Reportage über Politessen und die von ihnen ausgestellten Zahlungsaufforderungen wird von den Damen zu Nichte gemacht.
Der einzige Erfolg dieses Tages war für die beiden jungen Leute, dass sie trotz 30-minütigem Parken ohne Parkschein, keine teure Nachricht an ihrer Windschutzscheibe hatten und diesmal keinen Brief des Polizeipräsidenten bekommen.
Bücher im Schnee Von Xiaoqiang Wang
Es ist kalt und windig, langsam fallen die Schneeflocken. Vor der Humboldt-Universität ist ein Buchmarkt. Die Semesterferien haben bereits begonnen. Wenige Studenten sind da, dafür einige auswärtige Journalistik-Studenten, die eine Reportage schreiben müssen. Sie schauen sich alle Bücher an. Einige Bücher nehmen sie sich mit. Die Bücher sind zwar gebraucht, ihr Themenspektrum jedoch breit gefächert. "Wir haben uns lang genug geliebt, und wollen endlich mal hassen" zeigt der Einband eines Gedichtbuches. "Gestern war heute noch morgen", ein Wälzer über den Zweiten Weltkrieg. Es gibt sogar japanische Literatur in Originalsprache, aber nichts Chinesisches. Sind die Bücher sehr gut,dass der Verkäufer nicht loswerden will,oder die versteht sowie keine.Der Student hat nicht nachgedacht,denn er ist Pakistaner. 1 Euro, 2 Euro, 5 Euro, die Bücher sind günstig.
"Ich bin ein Journalistik-Student, darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen". Ein junger Mann mit Stift und einen Notizbuch in den Händen spricht den Verkäufer an. "Sind alle Bücher von Ihnen oder sind Sie Vertreter?", der Student setzt das Fragen fort. "Welchen Beruf üben Sie aus?". Er hört nicht auf . Für eine Reportage soll man so viele Informationen wie möglich sammeln.Der Verkäufer beschäftigt sich mit Einordnen der Bücher ."Alle Bücher sind von mir ,ein Paar hab ich noch zu Hause "antwortet er mit kalter Stimme. Ihn interessiert auch die Humboldt-Universität. "Wie gesagt, Sie haben den falschen Ansprechpartner", sagt der Verkäufer. Er scheint nicht viel Wissen von der Humboldt-Universität zu haben. Nicht alle Fragen sind beantwortet, aber es ist genug für eine gute Reportage.
Fahrt in der Straßenbahn Von Joachim Frommherz
In der Straßenbahn ist es warm. "Riiing" tönt die über 50 Jahre alte Glocke schrill. Stöhnend und ächzend schließen sich die Türen. Die Tram setzt sich in Bewegung. Durch die Scheiben fällt der Blick auf die Schneeflocken, die der Wind durch die Nacht treibt. Mal stärker, mal schwächer wirbelt er sie durcheinander. Beleuchtet wird das Schauspiel durch den matten, gelblichen Schein der Straßenlaternen, die den Weg der Tram säumen. Auf dem Gehweg taucht eine Frau aus der Dunkelheit auf, rufend und gestikulierend. Kurze Zeit später kommt ein schwarzer Hund, wild mit seinem Schwanz wedelnd. Brav lässt er sich von seinem Frauchen an die Leine nehmen.
20 Minuten braucht die Schienenbahn, bis sie zuckelnd und ruckelnd ihren Weg vom S-Bahnhof in Rahnsdorf zur Schleuse in Woltersdorf zurückgelegt hat. 20 Minuten in denen die Reisenden eine Auszeit von Kälte und Wind bekommen, die im Freien herrschen. Wer einen Sitzplatz will, muss sich sputen. Gegen 18 Uhr ist die Tram voll besetzt. Gemurmel, Husten und leises Lachen erfüllen den Raum. Wer zu spät kommt, muss stehen. Ein Mann mit Hut und langem blauen Mantel steht an der Führerkabine. In seiner Brille spiegeln sich die Kontrolllampen der Armaturen wider. Nervös faltet er den 50 Euroschein in seinen Händen immer wieder zusammen und auseinander.
Kurze Zeit später erscheint der Zugführer. "Guten Abend", ruft er lächelnd seinen Passagieren zu. Lässig hält er die Kasse unter seinem linken Arm. Seine dunkelblaue Mütze sitzt schief auf seinem Kopf. Mit der rechten Hand streicht er sich über den dünnen Oberlippenbart. Kaum dass er die Führerkabine aufgesperrt und sich gesetzt hat, bestürmt ihn der Mann mit Hut: "Einmal bis zum Krankenhaus". Ehe der Bahnführer den Fahrpreis nennen kann, streckt er diesem den 50-Euro-Schein entgegen. "Kleiner hammses nich?" blafft der zurück.
"Riiing", als der Passagier sein Wechselgeld erhalten hat, geht die Fahrt los. Es gibt einen Ruck, laut rattert die Schienenbahn durch die Dunkelheit. Am Fenster links hinten sitzt ein Mann. Dick eingewickelt in einen weißen Schal und eine olivgrüne Daunenjacke schmökert er in einem Buch. In der Reihe neben ihm diskutieren zwei Teenager den vergangenen Bundesliga-Spieltag: "Hertha war ja mal schwach" meint der eine. Seine Augen werden vom Schirm seiner quietschpinken Baseballmütze verdeckt. "Hauptsache sie haben gewonnen", antwortet sein Freund mit der vor Gel glänzenden Igelfrisur.
Wieder eine Haltestelle. So langsam leert sich der Waggon. Auch ein dunkelhäutiger, junger Mann schlendert auf den Ausgang zu. Bisher hatte er locker an der Wand der Führerkabine gelehnt und nervös auf sein Mobiltelefon eingetippt. Er ist ganz in schwarz gekleidet. Einzig eine goldene Halskette bildet einen Kontrast zu seinem dunklen Erscheinungsbild. "Shit", entfährt es ihm, als er aus der Tram aussteigt. Wild gestikulierend wirft er die Arme nach oben, seine Füße suchen nach Halt. Als er auf dem spiegelglatten Gehweg wieder Halt gefunden hat, schlendert er weiter. Bald ist er in der Dunkelheit verschwunden.
"Riiing" - die Fahrt geht weiter, der Endstation entgegen. An der Schleuse in Woltersdorf öffnen sich die Türen der Tram ein letztes Mal. Der Schneefall hat aufgehört. Dafür hat der Wind aufgefrischt. Nun muss auch der letzte Passagier die wohlige Wärme der Straßenbahn verlassen.
Unüberwindbare Gegensätze Von Stefanie Hanke
Yin-Yin sitzt mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck mitten im Schnee und kaut an einer Möhre. Das Wetter scheint ihr nichts auszumachen, sondern sie im Gegenteil an ihre Heimat im chinesischen Bergland zu erinnern, wo sie 1987 als ganz allein aufgefunden wurde. Yin-Yin ist ein Panda-Weibchen, und sie überrascht mit vollkommen unanimalischen Essmanieren: Fünf Möhren, eine Birne und eine für mich unidentifizierbare Wurzelknolle liegen ordentlich in einer Reihe neben ihr, und ebenso ordentlich frisst die Bärin alles – nacheinander und in der von der Anordnung vorgegebenen Reihenfolge. Es scheint ihr zu schmecken – sie kaut langsam und offensichtlich mit Genuss. Von Zeit zu Zeit sieht sie mich mit ihren schwarz umrahmten Augen an und wackelt mit den Ohren. Yin-Yin strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, sie hat Zeit und weiß vermutlich, dass ich ihr ihre Mahlzeit nicht streitig machen werde, und auch sonst niemand. Jedes Mal, wenn sie ein Stück Gemüse gegessen hat, betrachtet sie den Rest des Menüs, als wolle sie mit Bedacht den nächsten Gang auswählen, nur um sich dann doch für das zu entscheiden, was ihrer Pfote in der Reihe am nächsten liegt. Ich sehe ihr etwa 20 Minuten lang zu, und in dieser Zeit verzehrt sie langsam und bedächtig die Birne und eine Karotte.
Auch das Panda-Männchen, Bao-Bao, ist gerade gefüttert worden. Sein Menü setzt sich aus den gleichen Speisen zusammen wie das seiner Artgenossin, zusätzlich hat er jedoch einige Knollen Rote Bete erhalten. Sein Mittagessen verläuft völlig anders als das des Weibchens: Er hat sich zum Fressen in seinen Käfig im Raubtierhaus zurückgezogen, ob freiwillig oder weil das Gemüse ausgerechnet dort serviert wurde, weiß ich nicht. Er sitzt vor einem unsortierten Haufen Nahrungsmittel, Möhren, Birnen und Knollen liegen wild durcheinander, einige sogar schon angefressen. Gerade hält er eine Möhre in der Hand – in einem Moment beißt mit einem lauten Schmatzen davon ab. Dann wieder fuchtelt er wild mit der Rübe herum und gibt mit weit aufgerissenem Maul grunzende Geräusche von sich, als wäre er gerade in eine angeregte Diskussion verwickelt. Seine Mahlzeit wirkt ganz und gar nicht wie ein Genusserlebnis, eher wie eine Pflicht, die ihn von wichtigeren Aufgaben abhält und auf die er sich nur am Rande konzentriert.
Yin-Yin und Bao-Bao sind die einzigen Großen Pandas im Berliner Zoo, sogar die einzigen in Deutschland. Sie könnten ein so hübsches Paar sein. Doch statt sich gemeinsam ein schönes Leben zu machen, statt eine Familie zu gründen und kleine Bärchen großzuziehen, leben sie getrennt. Jeder hat sein eigenes Gehege, mit viel Auslauf und hübschen Bambussträuchern, zwischen beiden Revieren liegt das Raubtierhaus. Sie begegnen sich niemals. Anfang der 90er Jahre wurden Versuche unternommen, die beiden zusammenzuführen und junge Pandas zu züchten – die Tierart ist vom Aussterben bedroht, jedes Neugeborene wäre ein Grund zum Feiern. Doch Yin-Yin und Bao-Bao konnten sich von Anfang an nicht leiden und verhielten sich aggressiv. Es kam einfach keine Romanze zustande, und so musste der Zoo den Zuchtversuch aufgeben.
Wenn man ihnen beim Fressen zusieht, versteht man es sofort: Die Gegensätze scheinen unüberwindbar.
Die Suche nach der Reportage Von Timo Püst
Zu fünft sitzen wir in dem Golf, auf dem Weg in die Innenstadt. Jetzt kann es losgehen, das frühe Aufstehen soll sich gelohnt haben. Die Aufgabe ist klar, es gilt ein gelungenes Thema für eine Reportage zu finden. Doch es bahnen sich die ersten Probleme an, unsere Fahrerin widmet der Kommunikation mit der Beifahrerin mehr Aufmerksamkeit als der Straße. „Müssen wir links oder rechts abbiegen?“, lautet ihre erste Frage, schon bald gefolgt von dem bereits befürchteten „Wo sind wir hier?“.
Doch das kann heute kein Hindernis sein, der Kopf ist voller guter Ideen, wenngleich die eine überzeugende noch auf sich warten lässt. Macht nichts, wir befinden uns in Berlin, die geschichtsträchtige Hauptstadt sollte Anregungen im Stakkato-Takt liefern. Nur wenige Minuten nach Ankunft auf dem Alexanderplatz überschlagen sich tatsächlich die Einfälle. Hier ein Grill-Walker, ob es lohnt über seinen Arbeitsalltag zu berichten? Dort eine Saturn-Filiale, ob man mir erlaubt einen Kaufhaus-Detektiv bei der Ausübung seiner Pflicht zu beobachten? Sogar der am Straßenrand kniende Bettler scheint dazu geeignet zum Protagonisten eines 80-Zeilers gemacht zu werden, oder ist das zu abgedroschen? „Was soll ich denn jetzt machen?“, entfährt es mir leicht frustriert. Und an meine ebenfalls frierenden Kollegen gerichtet: “Habt ihr schon eine gute Idee?“. Die Tatsache, dass auch sie noch nichts Passendes gefunden haben verschafft zwar Erleichterung, aber keine Befriedigung. „Lasst uns einfach mal zum Potsdamer Platz fahren und da Ausschau halten“, empfiehlt Joachim und wir machen uns auf den Weg. Mehr von Optimismus als von Ideenreichtum beseelt, ziehen wir zu viert durch die winterkalten Häuserschluchten. Die zahlreichen Passanten ringsum sind in mehrere Schichten Winterkleidung gehüllt, die wenigsten verzichten heute auf eine Kopfbedeckung. Drei Stunden und etwa 100 verworfene Ideen später stehen wir auf der Friedrichstraße. Um uns herum hasten unzählige Menschen durch das allmählich einsetzende Schneetreiben. Das Stimmengewirr um uns herum wird durch kein Schweigen unterbrochen. Der Inhalt der Kommunikation bleibt mir jedoch zumeist verschlossen – ich spreche kein türkisch. Die wachsende Verzweiflung ist deutlich aus meiner Stimme zu hören als ich frage: “Wollen wir irgendwo einen Kaffee trinken?“. Meine Leidensgenossen nicken wenig begeistert, da die Enttäuschung über das Ausbleiben von Ideen uns bereits in eine Vielzahl von Imbissen getrieben hat. Der Leere im Kopf steht mittlerweile ein prall gefüllter Magen gegenüber, in dem sich Speisen aus drei unterschiedlichen Kontinenten bekriegen. Umringt von Müttern mit Kindern und leicht gehetzt wirkenden Anzugträgern geben wir unsere Bestellung auf. In der Auslage lockt eine opulente Auswahl von Torten und Kuchen. Während wir schweigend unseren Kaffee trinken, denke ich neidvoll an eine Kommilitonin, die derweil einen Fahrkartenkontrolleur bei der Arbeit in der U-Bahn begleitet. Ein uniformierter BVG-Angestellter gegenüber einer Kreuzberger Jugendgang, die kein Interesse am Kauf einer Fahrkarte hat – so was klingt nach Adrenalin. Die Kundschaft bei Tchibo hat kein Problem damit, ihre Heißgetränke ordnungsgemäß zu bezahlen, der Zufall spielt mir also auch hier nichts literarisch Verwertbares zu. Ebenso wie die vorigen ist auch die folgende Stunde von ziellosem Umherirren geprägt, ehe wir uns endlich entschließen, den Heimweg anzutreten. Drückenden Magens und schweren Herzens in der Gemeinschaftsunterkunft angekommen, sehe ich mich mit der allgegenwärtigen Frage „Worüber schreibst du?“ konfrontiert. „Naja, über die Suche nach Ideen“. „Die Suche nach der Reportage sozusagen“, grinst mich mein Mitstudent Alex an. „Immerhin“, so durchfährt es mich, „da habe ich ja wenigstens meine Überschrift“.
Neben der Rolltreppe riecht es nach Schuhcreme Von Bettina Gerwing
Auf einem kleinen Teppich stehen aufgereiht orientalisch anmutende Tiegel, daneben stecken dutzende kleiner Pinsel und Bürstchen ihre braun-schwarzen Köpfe aus einer antiken Blechdose. Sie entpuppen sich als Zahnbürsten. „Alte Zahnbürsten, von Freunden“, erklärt Ahmet, zieht einige heraus und fährt mit den Fingerkuppen über die Bürstenränder. „Hart oder weich, ich brauche alles“ sagt er, „ aber nur gebraucht“, fügt er hinzu und schiebt eine Bürste vor dem Mund hin und her.
Ein älterer Herr in dezent dunkler Geschäftskleidung wird gestenreich begrüßt und steigt über die drei Holzstufen auf den lederbezogenen Lehnstuhl. Seine schwarzen Schuhe sehen nicht nur teuer, sondern auch neu aus. Als Ahmet eine runde Dose öffnet, versüßt ein Duft von Mandelplätzchen die Luft. „Keine Farbe für neue Schuhe, nur das hier“ sagt Ahmet und hält mir die Dose mit der hellen Creme unter die Nase. „Ist dieselbe seit 100 Jahren, nach Rezept aus Osmanischen Reich. Türkische Schuhcreme ist ohne Chemie“, betont er und seine Handbewegung läßt ahnen, was er von deutscher Schuhcreme hält. Mit fliegenden Bewegungen verteilt das Stück Stoff in Ahmets Händen die Schuhcreme auf den Schuhen, oben, hinten und an jeder Seite, dann auch beim anderen Schuh. „Mohair“ Ahmet deutet auf den Stoff, „aus der Türkei“. Und jetzt Polieren. Ahmet streicht mit der Hand über die langen Haare einer großen Bürste. „Pferdehaare, vom Schweif, aus der Türkei.“ Natürlich. Flink saust die Hand mit der Bürste über die Schuhe, immer wieder, hin und zurück. Dazu braucht man Gefühl, keine Kraft, erfahren wir.
„Machen Sie eine typische Handbewegung“. Ahmet betont jedes einzelne Wort. Im Fernsehen, bei „Was bin ich“ war der siebzigjärhrige Schuhputzer, und Norbert Blüm hat seinen Beruf nicht erraten. Stolz holt er ein gerahmtes, signiertes Foto aus einer Schublade unter den Stufen des Stuhls hervor. Norbert und Ahmet. Zusammen, im Fernsehen.
Für fünf Euro ein Paar gewienerte Schuhe, der Stammgast ist zufrieden wie immer. „Das hält vier Wochen“ versichert der Schuhputzer. Er habe viele Stammgäste, erzählt Ahmet, Rechtsanwälte aus dem Westen und ehemalige Stasis aus dem Osten. „Die haben noch Geld“.
Warum er nicht wieder in die Türkei zurückkehre, jetzt, wo er in Rente sei? Die Antwort kommt schnell: „Ich bin doch in hier alt geworden.“
Der Grillwalker
Von Johanna Kaack
Berlin Alexanderplatz. Es ist eisigkalt. Der harte Wind zwingt die Leute ihre Mantelkrägen hochzuziehen und die Hände, eng an den Körper gepresst, bloß nicht aus den Taschen zu nehmen. Auf dem offenen Platz, nahe des Eingangs zur U-Bahn-Station, den die vom Wind gejagten Passanten möglichst schnell passieren um ins Warme zu gelangen, steht ein Gefährt, dass aussieht wie ein Rollstuhl mit Sonnendach. Auch bei näherem Hinsehen bleibt es der Beschreibung ziemlich nahe. In ihm sitzt ein alter Mann, die graue, schwergestrickte Wollmütze tief über die Ohren gezogen und in einen Schianzug gepresst. Sein Gesicht ist voller Falten, die Augen schauen wachsam auf die vorüberziehenden Menschen. Auf seinem Schoß, an den fahrbaren Untersatz provisorisch herangeschraubt, ein Würstchengrill, auf dem ca. 30 Würstchen von unterschiedlicher Bräune vor sich her brutzeln. „Jeden Tag neun Stunden in dieser Kälte, was soll ich machen?“ erzählt er mir, während vor ihm ein unentwegt brabbelnder junger Mann steht, der gleich 5 Bratwürste, jede einzelne mit einer anderen Kombination von Senf und Ketchup angefordert hat. Der alte Mann bleibt freundlich. Seit 7 Jahren sei er nun schon hier, müsse mit diesem Job seine fünfköpfige Familie ernähren, vier Kinder und eine Schwiegertochter.. Daraufhin fällt die fünfte Bratwurst, auf Wunsch nur mit Ketchup garniert, dem anstrengenden jungen Mann aus der Hand. Der Alte gibt ihm noch eine, zum halben Preis, und lächelt dabei. Es ist kurz Ruhe, der letzte Stoß aus dem Eingang zur Bahnstation ist gerade vorbei. Mit zugekniffenen Augen, durch die die Falten auf seiner Stirn noch tiefer wirken, blickt der Würstchenverkäufer zu mir auf. „Wozu wollen sie das alles wissen? Wissen sie, ich muss aufpassen.“ Er schaut sich um, sucht mit gezielten Blicken die Umgebung ab. „Mein Chef ist wie ein Krake.“ Er lacht und mimt mit seinen Händen die Bewegung von den Armen eines Kraken. „Er ist überall“. Ich versichere ihm, dass ich ihm nicht gefährlich werden kann. Er hat eine leise Stimme und spricht undeutlich deutsch, versetzt die Wörter mit zusätzlichen zischenden Lauten, wie „rss“ und „tschchss“. Aus Mittelasien stamme er, aber er glaubt, dass seine Schwiegermutter Deutsche war. „Die wurde damals übrigens erschossen“, erzählt er und nutzt dabei die Würstchenzange, gerichtet auf meinen Körper, um mir die Wirkung einer Schusswaffe zu demonstrieren. Ich kann ihm nicht ganz folgen, schaue in seine Augen, die dabei nicht traurig wirken. Ein neuer Kunde kommt, dick eingepackt in einem Mantel mit Holzfälleroptik. Die beiden scheinen sich zu kennen, voneinander zu wissen, dass der eine hier jeden Tag sitzen muss und der andere, dass ihm die Bratwurst für 2,- € hier gut schmeckt. Ich frage den Wurstverkäufer, dessen Hände rau und von der Kälte rot-blau eingefärbt sind, warum er diesen Job macht und ob er denn überhaupt leben könne von dem. Seufzend sagt er „muss ja, muss ja“, er hätte nicht die Möglichkeit gehabt damals, wirft die Hände in die Luft und unterstreicht seine Geste mit der Würstchenzange. Keine Möglichkeit, vernünftig deutsch zu lernen, keine Möglichkeit, einen anderen Beruf auszuüben. Nun sei er alt und zudem zu behindert. Er beugt sich seitlich runter und schlägt sich mit der Würstchenzange unsanft gegen sein linkes Bein. Ein dumpfes Geräusch offenbart mir, dass der Alte eine Beinprothese trägt. „Beide Beine“, sagt er, aber seine Augen lachen.
Gut, abgemacht! Von Bahador Saberi
Mit einem zusammengeknäulten Papiertaschentuch wischt Buchverkäufer Werner über seine Ware. „Heute wollte ich gar nicht hier sein“ sagt er, legt das Taschentuch auf ein Buch und steckt sich die Hände tief in die Hosetaschen. Es sei viel zu kalt und zudem schneie es. Werner verkauft Bücher vor der Humboldt-Universität. Jeden Tag und auch bei jedem Wetter. Er verlässt seinen Bücherstand und läuft auf die andere Straßenseite um nach den Wolken zu schauen. Er hastet über die belebte Fahrbahn und bleibt unter dem Denkmal Friedrich des Großen stehen, schaut Richtung Westen. „Ich befürchte ein großes Unwetter“, sagt er als er an seinem Stand zurück ist. Ein junger Mann mit drei Büchern unterm Arm steht vor ihm. „Adorno, da hast du aber einiges vor“, sagt Werner. Er wolle die Bücher nicht kaufen, nur ein wenig im Arm halten, erwidert der junge Mann. Werner schaut verdutzt, nimmt das Papiertaschentuch und wischt den Schnee von den Büchern. Die verschiedensten Menschen kämen zu ihm, Studenten, Geschäftsleute, Bänker, Hausfrauen. Jeder habe schon bei ihm Bücher gekauft und doch fasziniere ihn jeder einzelne auf seine Weise. Der junge Mann mit den Büchern unterm Arm geht auf den Verkäufer zu und sagt: „Zwölf Euro für drei kleine Büchlein, das ist doch ein wenig viel.“ „Sag mir was du zahlen willst“, entgegnet ihm der Verkäufer. „Sieben Euro.“ „Gut, abgemacht.“ „Ich dachte sie wollten handeln“, sagt der Mann. Sieben Euro seien in Ordnung für die Bücher, bestätigt Werner. Der Käufer zahlt. Werner kramt in seinen Taschen und auf seinem Verkaufstisch nach Wechselgeld und wird schließlich fündig. Mit leicht rot angelaufen Händen zählt er die Münzen und gibt sie dem Mann. Man wisse ja nie wen man da bediene, wer weiß was aus dem Menschen wird, vielleicht bekommt man eines Tages etwas zurück. Dieser Gedanke macht aus dem eigentlichen Geschäftsmann Werner, den Gebrauchtbuchhändler Werner. Der Kunde bleibt an seinen Büchern interessiert und schmökert trotz eisiger Minusgrade und schneidendem Nordostwind weiter. Werner zieht seine sommerliche Jeansjacke bis an sein Kinn hoch. Er nimmt das Buch, für das sich der junge Mann interessiert. „Egon Erwin Kisch“, sagt Werner langsam. „Gutes Buch“, resümiert Werner seine Gedanken über das Werk. Er schlägt das Buch auf, sieht mit Bleistift die Preisangabe „drei Euro“. „Für zwei kannst du es haben“, sagt der Verkäufer und reicht dem Mann das Buch. Dieser, nicht weniger erstaunt als beim ersten Kauf streckt ihm das Geld hin und bedankt sich förmlich bei seinem Gönner. Werner aber lässt jeglichen Dank an seiner auffallend kulanten Buchhändler-Mentatlität abtropfen und geht nicht weiter darauf ein. Er spricht den Käufer an, möchte mit ihm ins Gespräch kommen. „Ihre Augen machen einen warmen Eindruck“, sagt er zum jungen Mann ohne dabei noch röter zu werden. „Machen sie deshalb so gute Preise?“, will der Käufer wissen. Werner geht nicht darauf ein und versucht seinen neu gewonnenen Gesprächspartner für ein ausführlicheres Gespräch zu gewinnen. Eigentlich wollte Werner ja gar nicht hier sein. Gute Bücher unter Wert verkaufen, mit einem zersausten Papiertaschentuch über das Deckblatt streichen und einfach nur in der Kälte stehen. Er macht es trotzdem. Eigentlich wollte er zu Hause bleiben heute und bei einer Tasse Tee eines seiner vielen Bücher lesen. Doch er steht vor der Uni, friert und sinniert mit seinen Kunden über Berlin, das aktuelle Buch, die Tagespolitik, über Kant und über Fichte, über Fontane und Adorno. Er verabschiedet seinen Kunden mit den Worten: „Kommen sie bald wieder, ich werde da sein.“
Steglitz – Steht nix! Von Diane Zachen
Eine Frau liest konzentriert in einem Zeitungsartikel. Er ist zerknittert und an den Rändern zerfetzt. Neben ihr ein Mann, der einen Prospekt über die Unterwelten Berlins in der Hand hält und ebenfalls wissbegierig darin schmökert. Nach und nach versammeln sich mehr und mehr Leute in der Vorhalle der U-Bahn Station Gesundbrunnen. Eine Dame mittleren Alters, die ihren Schal bis zur Nasenspitze um sich gewickelt hat. „Hoffentlich werden wir eine Gruppe von sechs Personen, ansonsten kann die Bunkerführung nicht stattfinden.“ Bevor die grün gestrichene Metalltür geöffnet wird, kommt ein junges spanisches Pärchen auf die Gruppe angerannt. „Zum Glück, wir sind noch rechtzeitig!“
Dann erscheint ein Mann, mit langen Haaren zum Zopf zusammengebunden, in dunkelblauer Hose, dickem Wollpulli und dunkelblauer Weste. In der rechten Hand hält er eine Taschenlampe. Er wendet sich uns zu und sagt hastig: „Ich bin gleich wieder bei ihnen.“ Eine jüngere Frau hüpft, mit ihren Händen in den Manteltaschen, von einem Bein auf das andere.
Der Tourführer bittet alle Interessierten, die Tickets für die Bunkertour 3 der Berliner Unterwelten zu kaufen. Auf den Gesichtern Erleichterung. „Jetzt kommen wir ins Warme.“
Etwa zwölf Menschen drängeln sich durch die Bunkereingangstür. Etwas wärmere Luft und ein fahles Licht fällt der Gruppe entgegen. An den Wänden ist zu lesen: „Zu den Aborten“ Die Jüngeren fragen sich: „Was bedeutet Abort?“ Mit großen Augen schauen die Leute zum Tourführer und lauschen seiner Erklärung. Das Wort leitet sich aus dem Lateinischen „abitare“ ab, das wegtragen heißt. Er erläutert weiter, dass 1941 die Schutzräume entsprechend ausgebaut wurden. Im Falle eines Bombenalarms konnten offiziell ein Prozent der Bevölkerung Berlins auf 1069 Quadratmeter dort Schutz finden. In Realität jedoch fanden das zwei- bis dreifache an Menschen im Bunker Platz. Dieser ist original erhalten und steht dank des „Berlin Unterwelten e.V.“ unter Denkmalschutz.
„Bitte hier entlang, folgen sie mir in den nächsten Raum.“ Die Dame mittleren Alters setzt langsam einen Schritt nach dem anderen, schaut nach oben, rechts, links und betritt den Raum. Auf der einen Seite reihen sich kloähnliche Konstruktionen auf. Es wird erklärt, dass die aufgereihten Torftoiletten eine Ansammlung von Fundstücken verschiedener Bunker sind. In vielen Bunkeranlagen gab es keine Wasserleitungen und somit wurde beim Öffnen und Schließen dieser Toiletten Torf über die Fäkalien gestreut. „Das saugt die Flüssigkeit auf.“. Zwei ältere Damen rümpfen ihre Nasen. „Der Geruch muss bestialisch gewesen sein.“, äußern sie und schauen skeptisch hin und her. Die Halterungen für Wasserleitungen sind der Beweis, dass es in diesem Bunker Toiletten mit Spülung gab. Löcher in der Wand verweisen auf die ehemaligen Trennwände der Toilettenkabinen. Fasziniert von der Konstruktion und gedankenvoll wechselt die Gruppe zum nächsten Raum. „Berühren sie nicht die Wand!“ „Warum?“, fragt ein Teilnehmer. Das Licht geht aus, was passiert jetzt? Grünliches Licht. Ja das ist die Wirkung fluoreszierender Farbe. Achtung radioaktiv, ist nicht gerade gesund! So der Hinweis des Tourleiters. Er hält ein Blitzlicht in den Händen und fragt nach Freiwilligen. „Die zwei Herren bitte und Augen zu.“ Kurz darauf erscheinen deren Körperumrisse. Anschließend setzen sich die Personen auf hinter einander gestellte Holzbänke. Dazwischen stehen unzählige Koffer, in denen wichtige Dokumente wie Ausweise und Geburtsurkunden sowie Essen und Klamotten, teilweise auch Spielzeug für Kinder eingepackt waren.
Plötzlich ist es dunkel. Ein Aufschrei der älteren Dame. Der Schweizer versucht, seine Hand vor Augen zu sehen, dann flackerndes Licht, dann wieder dunkel. Währenddessen erzählt der Tourführer von weinenden Babys, verängstigten Menschen und schlechter Luft im überfüllten Luftschutzraum (LSR). Das Licht geht wieder an, ein tiefes Aufatmen geht durch die Reihen. In diesen Zeiten der Not verloren die Berliner nie ihren Humor. Aus „Steglitz“ wurde „Steht nix.“ Und aus „Berlin ist eine Stadt der Warenhäuser“ wurde „Da waren Häuser.“ Des Weiteren beschreibt der Guide Probleme der Belüftung. Zum Beispiel musste ein Bunker mit 3000 Menschen aufgrund mangelnder Atemluft während eines Bombardements am Alexanderplatz evakuiert werden. Entweder ersticken oder irgendwie überleben.
Auf wackeligen Beinen stolpern einige Teilnehmer in den nächsten Raum. Dort ein metallener Schrank mit vielen Metallblättchen. Der Tourbegleiter fährt mit seinen Händen über deren Oberfläche. Wie eine Art Blindenschrift. Daten von ehemaligen Berlinern sind auf die Art festgehalten. Unter anderem auch unzählige Blechkarten von Franzosen, Engländern, Ukrainern, Russen und Polen, die als Zwangsarbeiter unter schwersten Bedingungen schufteten.
Nachdenklich, aber auch begeistert verlässt die Gruppe den Bunker. Der Schweizer verrät, dass er nur zufällig daran teilgenommen habe. „Ich bin fasziniert von den historischen Ereignissen, die die Menschen bis heute tangieren und beschäftigen.“ Dieser Teil der Geschichte liegt im Untergrund, ist nicht gleich sichtbar und doch betrifft er viele Persönlichkeiten. Manche werden für immer ein Geheimnis bleiben.
Holocaust – hautnah Von Gregor Müller
Dunkel ist es in dem Raum. Stockdunkel. Nacheinander werden die Leute hineingeführt. Dann wird die große Metalltür hinter ihnen verschlossen und die Menschen werden der Dunkelheit überlassen. Auch kalt ist es. Die Wände des Raumes bestehen aus massivem Stahlbeton. Das fühlt man – denn sehen kann hier bei dieser Dunkelheit keiner. Man redet nicht viel. Die Stimmung ist beklemmend und angsteinflößend.
Was hier wirkt, als wäre es eine Szene aus einem Holocaust-Film, kann man im jüdischen Museum in Berlin hautnah miterleben.
Schon die steile schwarze Treppe, die in das Museum hinabführt, lässt sich eher mit dem Eingang zu Katakomben, als mit dem zu einer Ausstellung über die jüdische Kultur assoziieren.
Unten angekommen: Hohe Gänge, die leicht ansteigen. Der Fußboden präsentiert sich als schwarzer Museumsgummiboden mit den typischen, kleinen, runden Erhöhungen. Die Schuhe quietschen. Besucher schlendern bedächtig die Gänge entlang und bewundern in Nischen der Wände diverse Kunstgegenstände hinter Glasscheiben. Ein Museumsführer sitzt auf einem Stuhl ganz oben im Gang. Er sitzt mit Rücken zu dem allgemeinen Treiben und liest etwas.
Eine steile schwarze Treppe führt auf der anderen Seite nach oben. Plötzlich: ein großer Baum. Leute hängen rote, apfelförmige Karten an ihn. Er ist so hoch, dass einige Besucher an der Seite eine Metalltreppe hochgehen, um weiter oben die Karten mit Fingerspitzengefühl an die Zweige zu bringen. „Das ist der Granatapfelbaum“, erklärt eine Museumsführerin mit einem freundlichen Lächeln. „Hier können Besucher Wünsche auf die roten Kärtchen schreiben und an den Baum hängen.“
In diesem Teil des Museums heißt es: Achtung! Wer hier nicht auf die roten Pfeile auf dem Boden achtet, verläuft sich in diesem Zick-Zack-Parcours oder findet seinen Begleiter nicht mehr.
Wieder zurück im unteren Bereich. Schwarzer Gummiboden. An den weißen Wänden in großen, grauen Schriftzügen: Havanna, Hollywood, New York. Einige Meter weiter schreien einem andere Namen entgegen: Dachau, Treblinka, Auschwitz.
„Der eine Gang ist die Achse des Exils. In diesen Städten fanden verfolgte Juden Zuflucht“, erklärt eine weitere Angestellte der Ausstellung. „Dies symbolisiert dagegen die Achse des Holocaust, sie endet hier im Holocaust-Turm.“
Sie dreht sich um und weist auf den dunklen, von Stahlbetonwänden umgebenen, kalten Raum hinter sich. „Wollen Sie da rein?“, fragt sie. Sie öffnet die Tür und lässt einige Besucher hinein.
„Wie viel willste haben?” Von Daniel Cinca
11:00 Uhr - Marienfelde Der Morgen im Westen ist sonnig aber kalt. Schnee bedeckt die Hofeinfahrt, die Autos jedoch stehen glänzend in Reihe geparkt. Hoch über dem Hof hat jemand blaue und weiße Schnüre mit Lametta gespannt, der Wind lässt es flattern. Sonst ist es still im Südwesten von Berlin. Der Händler zögert beim Aufstehen. Die Routine kommt mit dem Griff zur Lederjacke: „Welches Baujahr?” Jetzt knirscht der Schnee unter den Füßen und das Lametta schweigt.
12:30 Uhr - Steglitz Drinnen muss die Heizung wohl noch an sein. Das Schild schwankt leicht in der Tür des leeren Verkaufsraums. 15 Minuten und die Nummer eines Mobiltelefons sonst, weiter nichts. Ein kantiger Mercedes kommt und parkt die Einfahrt zu. „Ich will ehrlich sein, ich würde ihn nicht kaufen. Aber mein Nachbar sucht einen!”
13:40 Uhr - Tempelhof Dunkel ist es im Büro. Links ein Mofa vor einem Schreibtisch voll mit Getriebeteilen. Rechts hebt der Rottweiler langsam seinen Kopf von dem schwarzen Sofa, sonst macht er nichts.
Die klobige Brille sitzt schief im Gesicht. Er schiebt sie mit seinem Daumen gerade und streicht dann etwas Salz von der Motorhaube.
„Wat iss deine Schmerzgrenze?”
15:30 Uhr - Kreuzberg „Ja ich kaufe Autos, aber nur wenn ich Geld habe!” Goldkette unter rauem Strickmuster. Sein Akzent deutet auf Polen vielleicht Weißrussland hin. Den Körper lehnt er in die Werkstatttür. „Gestern”, sagt er und tritt ins Licht „Gestern habe ich so einen gesehen- zwei vier wollte der haben, aber der war top gepflegt!”
16:00 Uhr Neukölln Im Osten zieht sich der Himmel zusammen und es wird immer kälter. Leeres Büro mit Uringestank. Den Roman hält er noch immer in der Hand. Der Einband ist schmutzig und abgegriffen, der Titel ist in türkisch verfasst. Über das Handy wird der Chef kontaktiert und an mich weitergereicht: „Wie viel willste haben?” Die Stimme lässt ihn abgebrüht erscheinen. „Zu viel, kann ich nicht zahlen, gebe dir die Hälfte!”
17:00 Uhr Mahlsdorf Stau auf der B1 in Richtung Polen. Kurz vor der Stadtgrenze Berlins schreit ein Schild: „Zehn Prozent über Schwackeliste!” Das Büro neu und gepflegt. Der Verkäufer reicht die Hand. „Hat er Unfallschäden?” Erstmals wird die Motorhaube geöffnet.
Mit 2600 gab ein Mitarbeiter von Schwacke morgens den Wagen an.
Bei 1000 Euro steht das letzte Angebot in Berlin.
Im Osten wird es langsam dunkel. Es beginnt zu schneien.
New Jersey, Ankara, Berlin Tempelhof - oder die Frage, wie weit muss ein Huhn fliegen, um wirklich gut zu sein ? Von Marc Kennedy
„Allet frisch, wa? Besser kriejen se‘s nich“, sagt er und öffnet dabei die Tür des Old Hickory Grillschranks. „15000 Euro aus den USA, so wat jib‘s hier nich.“ Na dann, „ein halbes Hähnchen bitte.“ Wieder huscht ein Lächeln über das freundliche Gesicht. Gesunde Bräune und glänzende Haut, so steht er neben dem Markengerät aus Übersee. Ganz so wie dessen Inhalt!
„Darf es ‘n Salat Deluxe sein, mit Schafskäse und Oliven? Allet frisch, eben erst jemacht?“ Neben ihm stehen seine Helfer. Könnten seine Söhne sein. Reden, tun sie nicht. Aber reagieren, auf alles was gesagt wird. Und das ist auch gut so, denn im Hähnchenimbiss in Mariendorf herrscht reger Betrieb.
Ein Junge kommt herein. „Warst lange nich mehr hier?“ „Ja, ich war auf Diät, deshalb auch nur ‘ne Pommes.“ „Kriegste.“ Während er die Antwort ausspricht, hat einer der Helfer schon die Friteuse hochgedreht. Wieder geht die Tür auf. „Curry-Bulette zum mitnehmen.“ Standardisiert klingen die Nachfragen. Salat Deluxe? Diesmal nicht.
Da helfen auch die Leuchtreklamen nicht. Diese Tafeln mit den Essensfotos, dass dann doch nicht so aussieht. Auf einem der neonfarbenen Schilder steht: Die besten Hähnchen in Tempelhof. Lächelnd meint er nur: „Ach, ick hab irjentwann uffjehört zu zählen. Wir ham noch ne zweete Filiale direkt am Flughafen Tempelhof.“
Wieder geht die Tür. Eine ältere Frau mit ihrem Sohn. „Wie immer. Und der Salat ohne Gurke. Die sind für Euch“, sagt sie und kramt zwei Tafeln Schokolade aus der Einkaufstasche. „Ja, danke. Die teilen wir uns denne, wa.“ Der Chef redet für seine Mitarbeiter, die nickend dabeistehen. „Seit 1991 sind wir hier. Leute kommen von überall her“ und winkt dabei ab. Stolz schwingt in seiner Stimme mit.
Inzwischen reicht ihm einer der beiden Assistenten die verpackte Bulette und flüstert etwas. „Ach“, sagt der Chef. „Da ham wir doch dit Curry vajessen. Nich schlimm, wa?“ Der verdutzte Kunde nimmt an und schüttelt den Kopf. Eines der Neon-Schilder an der Kasse trägt die Aufschrift: Qualität ist kein Zufall. Die stimmt aber im Chicken House 2 und die Quantität demnach wohl auch.
Der kurze, lange Augenblick
Von Andreas Graumann
Fünf Sekunden sind zu lange! Er ist unaufmerksam. Sie wird grimmig. Ihre Hände klammern sich noch fester an ihrem Kinderwagen. Das Gesicht färbt sich so wie ihre Haare sind – rot. Aber jetzt, endlich! Der junge Mann bemerkt die Kundin und im Nu hat er die große Glastür aufgezogen. “Guten Tag“, sagt er höflich und lächelt. Die Frau schiebt ihren Kinderwagen hinein, nuschelt etwas von „unerhört“ und setzt ihren Weg fort. In Richtung Parfümerie.
Seine Mundwinkel sind nicht mehr nach oben gezogen. Kaum sichtbar schüttelt der Mann den Kopf. „Service & Information“ steht in kleiner Schrift auf dem Schildchen an seinem schwarzen Anzug. Aufmerksam und freundlich sein. Das ist sein Job. Es war nur ein kurzer Augenblick, als er eben der Eingangstür den Rücken zudrehte. Doch der kurze Augenblick war zu lange.
Schnell schnellt seine rechte Hand wieder zur großen Tür aus Glas. Neue Kundschaft! „Danke“, freut sich ein älteres Ehepaar über diese zuvorkommende Geste. Und das Einkaufsvergnügen auf vier Etagen beginnt.
Der adrett gekleidete „Service-Mann“ schaut den beiden hinterher. Seine Blicke wandern. Im Augenblick scheinen alle zufrieden zu sein. Kein Kunde, der nach der Toilette fragt. Keiner auf der Flucht vor dem Kaufhausdetektiv. Kein verzweifelter Kollege, der sein Englisch oder Türkisch braucht. Ist alles schon vorgekommen, lächelt der Schwarzhaarige. „Der Kunde ist König“, sagt er und, dass es ein Allround-Job sei, der… Plötzlich unterbricht er sich selbst. Seine Hände bewegen sich wie automatisch zur Glastür. „Auf Wiedersehen“, verabschiedet er einen König. Dieser nickt und geht. Auf seiner weißen Einkaufstüte steht in grünen Buchstaben „Galeria Kaufhof am Alexanderplatz“.
Der Türsteher lässt die Tür wieder zufallen. Ist er überhaupt ein Türsteher? Oder ein „Security-Man“ - wie man neudeutsch sagt? Nein, für die Langfinger sei nicht er zuständig. Das machen die Detektive. Sein Zeigefinger zeigt auf das „Service & Information“-Schild an seiner Brust. Dann rückt er die dunkelblaue Krawatte zurecht und positioniert sich erneut an der Eingangstür.
Wie die Abwehrmauer bei einem Elf-Meter steht er da. Beide Hände sind über Kreuz nach unten ausgestreckt. Die Körperhaltung ist gerade. Das grüne, gepflegte Spielfeld könnten die rechteckigen, polierten Marmorfliesen sein. Als Tor dient die Kaufhaustür. Ein Skateboardfahrer, der gerade an der Kasse bezahlt, ist der Fußball. Der nähert sich zügig dem Tor. Ohne Umschweife. Nichts kann ihn aufhalten. Der Ball rollt! Immer geradeaus! Gleich ist es soweit! Die Abwehr, den Ball schon längst im Visier, steht bereit! Und TOR! „Einen schönen Tag noch“, verabschiedet der „Service-Mann“ den Skateboardfahrer und schließt hinter ihm die Tür.
Aus den Kaufhaus-Lautsprechern an den Wänden erklingt indes eine warme, sympathisch wirkende Stimme. Es ist die eines Mannes. „Greifen Sie zu! Wir haben überall den Rotstift angesetzt“, lädt er die Menschen zum Kaufen ein. Alle potentielle Kunden.
Der „Service“-Mann an der Eingangstür wechselt jetzt die Seiten. Im rechten Ohr steckt ein Stöpsel. Die Musik ist so leise eingestellt, dass nur er sie hört. Sein Mund verrät den Kaugummi. Seine Nase riecht Mittagessen. Die Luftzirkulation sorgt dafür, dass die Kartoffeln von der fünften Etage bis nach unten zu riechen sind.
Aber noch sind es 30 Minuten bis zur Mittagspause. Und noch muss er aufmerksam und entgegenkommend sein. Der “Service“-Mann an der Eingangstür.
Ein Schwung neuer Kundschaft ist in Anmarsch. Auch sie haben das riesige Schild draußen an der Fassade gelesen: EINGANG / ENTRANCE. Ein fetter, roter Pfeil zeigt nach rechts. Dahin, wo ein junger Mann schon längst die große, gläserne Tür aufhält. Denn fünf Sekunden sind zu lange!
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